Kyoto meint es weiter ernst mit uns. Also wettertechnisch. Um 8:30 Uhr Treffpunkt vor dem Hotel, da war schon klar: Das wird wieder einer dieser Tage, an denen man irgendwann einfach nur noch langsam vor sich hin gart.
Mit dem City Bus ging es einmal quer durch Kyoto Richtung Nordwesten zum Kinkaku-ji. Die Fahrt war lang, aber immerhin funktionieren die Öffis hier weiterhin so zuverlässig, dass man langsam misstrauisch wird. Irgendwas muss doch mal schiefgehen. Tat es aber nicht.
## Goldener Pavillon, goldene Menschenmassen
Am Tempel angekommen dann der erste kleine Kulturschock des Tages. Busladungen voller Touristen wurden praktisch im Minutentakt vor den Eingangstoren ausgespuckt. Wie ein endloser Lindwurm schob sich die Menschheit über die Wege. Sehr geordnet zwar. Aber eben auch sehr voll.
Und alle hatten exakt denselben Plan: Foto vom goldenen Pavillon machen.
Wir übrigens auch.
Der berühmte goldene Pavillon sieht in echt tatsächlich ziemlich absurd aus. Fast ein bisschen unwirklich. Mitten zwischen Grün, Wasser und Menschenmassen glänzt dieses Ding einfach komplett golden vor sich hin. Natürlich versucht jeder gleichzeitig das perfekte Foto zu machen. Entsprechend viele Smartphones und Kameras wurden synchron in die Luft gehalten. Wahrscheinlich sah das von oben aus wie ein seltsames Ritual.
Und währenddessen wurde es immer heißer.
## Einmal Shogun bitte
Danach weiter zum Nijō Castle. Deutlich andere Atmosphäre. Wieder „alle gleichzeitig bitte nach links weitergehen“, aber auch mehr Geschichte.
Die Anlage stammt noch aus der Zeit der Tokugawa-Shogune und sollte damals durchaus Eindruck machen. Hat funktioniert. Vor allem die riesigen Holzbauten und die berühmten „Nachtigallenböden“ bleiben hängen. Diese Dielen quietschen absichtlich beim Laufen, damit sich früher niemand unbemerkt anschleichen konnte. Im Prinzip ein analoges Intrusion Detection System. Fand ich sympathisch.
Irgendwann gegen 14:30 Uhr waren wir wieder im Hotel. Eigentlich nur kurz Rucksack ablegen, Kaffee trinken und danach noch mal los zum Shopping.
Tja.
Aus „kurz hinsetzen“ wurde ziemlich direkt „wir bewegen uns heute besser nicht mehr“. Die Mischung aus Hitze, Menschenmassen und ständigem Unterwegssein zieht irgendwann einfach den Stecker. Merkt man dann meist erst, wenn man sitzt.
## Wagyu macht vieles besser
Pünktlich um 18:30 Uhr haben wir uns dann aber wieder zusammengerissen und uns mit Liane und Thomas zum Essen getroffen.
Diesmal gab es Wagyu-Rinderfilet. Hatte ich vorher noch nie gegessen. Und ja, der Hype hat leider recht. Das Zeug war unfassbar zart. Gargrad wurde gar nicht erst abgefragt. Ich schätze Medium Rare. Normalerweise nehme ich eher Medium, aber hier war das tatsächlich genau richtig.
Für alle, denen das zu roh vorkam, stand eine kleine heiße Platte am Tisch, damit man selber nachgaren konnte. Sehr praktische Lösung eigentlich. Diskussion elegant ausgelagert. Oder aber „Shift left“
Dazu Salat und drei verschiedene Soßen. Sehr gut. Sehr sättigend. Sehr gefährlich für zukünftige Steak-Erwartungen zuhause.
## Taqiubin oder: Warum wird Gepäck nachts schwerer?
Auf dem Rückweg noch schnell ein Eis auf die Hand. Quasi Nachtisch mit Bewegung.
Danach kam allerdings die eigentliche Höchststrafe des Tages: Gepäck für Taqiubin vorbereiten. Dieser japanische Gepäckservice ist einerseits genial. Wir fahren morgen mit kleinem Gepäck mit dem Shinkansen über Hiroshima nach Miyajima und das große Gepäck wird direkt von Kyoto nach Osaka geschickt.
Klingt entspannt.
Ist es theoretisch auch.
Praktisch bedeutet es allerdings taktisches Packen auf einem Niveau, das irgendwo zwischen Tetris und militärischer Einsatzplanung liegt. Was brauche ich morgen? Was erst in Osaka? Warum haben wir plötzlich mehr Zeug als am Anfang der Reise? Niemand weiß es.
Und wieder wird die Nacht kurz.
Ich glaube langsam wirklich, ich brauche mal einen Tag Ruhe. Wobei vermutlich selbst der wieder 18.000 Schritte hätte.
Bis morgen. Konbanwa.
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