Kyoto meint es weiterhin ernst mit uns. Nicht nur kulturell, sondern auch klimatisch. Heute schon ordentlich warm, die nächsten Tage sollen Richtung 32 Grad gehen. Osaka und Hiroshima stehen noch an und ich ahne bereits: Das wird kein gemütlicher Frühlingsspaziergang mehr, sondern eher ein mobiles Schwitzexperiment mit Sehenswürdigkeiten.
Der Tag startet um 6:30 Uhr. Frühstück technisch wieder eher Kategorie „symbolisch“: eine Banane und zwei Kaffee. Reicht ungefähr bis zur ersten Rolltreppe. Aber gut, irgendwo unterwegs findet man hier eigentlich immer etwas Essbares. Notfalls halt aus einem Automaten.
## Busfahren in Kyoto ist Kontaktsport
Morgens ging es mit dem Bus Richtung Kodaiji-Tempel. Schon an der Haltestelle wurde klar: Das wird sportlich. Die Busse fahren hier inzwischen teilweise mit Doppelbesatzung. Vorne der Fahrer und daneben jemand, dessen Aufgabe offenbar darin besteht, Menschen physikalisch effizient in vorhandene Restlücken zu komprimieren.
Freundlich, aber bestimmt wird man nach hinten durchgeschoben, damit wirklich noch der letzte Fahrgast irgendwie mit reingequetscht werden kann. Beeindruckendes System. Ich hatte kurz Sorge, dass irgendwann noch ein Schuh von mir draußen bleibt, während der Rest bereits im Bus Richtung Tempel unterwegs ist.
Und spätestens da hofft man einfach, dass sämtliche Deos der Mitreisenden ihren Job ernst nehmen.
## Kodaiji: endlich mal kurz Ruhe
Der Kodaiji-Tempel war dann genau das Gegenteil vom Bus. Ruhig, angenehm, viel Schatten und am frühen Morgen noch nicht komplett überlaufen. Sehr schön gelegen und insgesamt einfach entspannt.
Dort gibt es auch einen kleinen Bambuswald. Klar, Arashiyama spielt nochmal in einer anderen Liga, aber fotogen war das trotzdem. Und ehrlich gesagt: So ein bisschen Bambus im heimischen Garten hätte schon was. Sieht gut aus, bewegt sich schön im Wind und macht direkt ein bisschen Japan-Gefühl. Wahrscheinlich endet das in Deutschland dann allerdings damit, dass der Bambus nach drei Jahren die Terrasse übernimmt und die Nachbarn einen verklagen.
## Kimono überall
Danach ging es weiter nach Masuyacho im Higashiyama-Viertel. Traditionelle Holzhäuser, enge Gassen, Kopfsteinpflaster und entsprechend viele Menschen mit Kimono unterwegs. Oder eher Yukata. So ganz sicher bin ich da inzwischen auch nicht immer.
Gefühlt waren 90 Prozent davon geliehen. Was die Leute genau antreibt, kann ich nicht mal böse formulieren, weil es irgendwie nachvollziehbar ist. Wahrscheinlich möchte man einfach einmal komplett in dieses traditionelle Kyoto-Bild eintauchen. Manche wirkten wie auf Hochzeitsfotos, andere eher wie auf einem sehr ambitionierten Instagram-Ausflug.
Für Streetfotografie natürlich spannend. Überall ergeben sich Motive praktisch von selbst. Dummerweise war ich heute bewusst leicht unterwegs, nur mit dem 28 mm 2.8. Mein 85 mm 1.8 lag gemütlich im Hotel und hat vermutlich dort auf mich gewartet. Tja. Manchmal hat man kein Glück und dann kommt noch das Pech dazu.
## Messer kaufen eskaliert schneller als gedacht
Am Nachmittag dann kurz zurück ins Hotel. Einmal durchschnaufen, bisschen runterkommen und später wieder los.
Unter anderem in einen Messerladen. Eigentlich gefährlich für Leute wie mich. Man schaut nur mal kurz rein und plötzlich steht man da und diskutiert über Stahl, Schliff und Griffmaterialien, als würde man seit Jahren in einer Sushi-Bar arbeiten.
Am Ende gab es ein sehr schönes Gyuto-Messer und ein Petty-Messer inklusive Lasergravur. Also nicht einfach nur einkaufen, sondern direkt kleines Erlebnisprogramm dazu. Ich hätte vermutlich noch deutlich länger dort herumstehen können.
## Sushi per Modelleisenbahn
Zum Abendessen dann nochmal Sushi. Diesmal in einem Restaurant, in dem die Bestellungen per kleiner Modelleisenbahn direkt an den Tisch gefahren werden. Allein dafür lohnt sich das eigentlich schon.
Da ich rohen Fisch und Meeresfrüchte weiterhin elegant umschiffe, war mein Sushi-Abend eher die vegetarische Variante. Funktioniert aber erstaunlich gut.
Die eigentliche Hauptattraktion war allerdings das Wasabi. Diese kleinen grünen Röhrchen haben hier offenbar einen anderen Anspruch an Schärfe als das Zeug bei uns. Nach dem ersten Bissen war nicht nur die Nase frei, sondern gefühlt auch Teile meines Gehirns chemisch gereinigt.
Ich hoffe einfach, dass keine bleibenden Schäden zurückbleiben. Wobei… vielleicht erklärt das auch manches.
Und damit ging wieder ein sehr heißer Tag in Kyoto zu Ende. Viel gelaufen, viel gesehen, viel geschwitzt. Aber genau dafür sind wir ja hier.
Bis morgen. Konbanwa.
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